Peter Lehmann + Playtime

"Die Raupe und ihre Schmetterlinge"

Gemeint ist der chilenische Dichter Pablo Neruda, der 1971 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Wegen der Vielseitigkeit seines Werkes wird er mit der Malerei seines Freundes Pablo Picasso verglichen. In dem gleichnamigen Stück lässt Peter Lehmann die Person Neruda lebendig werden, er unternimmt einen chronologischen Streifzug durch das künstlerischen Schaffen Nerudas.

Der Frankfurter Schauspieler Peter Lehmann, der selbst 1974 vor der Pinochet-Militärdiktatur nach Deutschland floh, streift die wichtigsten Lebensstationen des Dichters. Er rezitiert Neruda, auf Deutsch mit kurzen Spanischen Einlagen, mit beeindruckender Mimik, impulsiv und auf faszinierende Weise. Seine schauspielerische Interpretation erweckt die Person Neruda zum Leben und führt den Zuschauenden die Zeit, in der dieser wirkte, plastisch und spannend vor Augen. Die Gedichte zeugen vom spielerischen Umgang mit Sprache, Peter Lehmann verhilft dieser sprachlichen Musikalität zur vollen Entfaltung, in dem er zahlreiche spanisch gesprochene Passagen einstreut.

Grandios stellt Lehmann unter Anderem Auszüge aus Nerudas bedeutsamstem Werk "Der große Gesang" vor, das in der Illegalität entstand, nachdem Neruda als einstiger kommunistischer Senator nach dem 2. Weltkrieg aus Chile flüchten musste. Hoffnungsvoll unterstütze Neruda 1969 die demokratisch gewählte Regierung der Unidad Popular und ihres Präsidenten Salvador Allende, die schließlich gewaltsam in einem von den USA unterstützten Militärputsch gestürzt und ermordet wurde.  "Ein überaus lehrreicher und zugleich unterhaltsamer Abend." Offenbach Post   

Peter Lehmann ist Schauspieler und Bearbeiter von Stoffen für Theateraufführungen, er wurde als Sohn deutscher Exilanten in Santiago de Chile geboren. Nach dem Abitur und einem Ingenieurstudium studierte er an der Theaterschule der Universidad de Chile Schauspiel. Von 1964 bis zum Putsch in Chile 1973 war er als Schauspieler in diversen Theater-, Film- und Fernsehproduktionen tätig. Er konnte flüchten und lebt seitdem in Deutschland.

   Weitere Stücke von Peter Lehmann:

El Bataraz/Der Bataraz 
nach dem Roman von Mauricio Rosencof, Uruguay (Deutsch oder Spanisch)

Ein Funken Hoffnung im schlimmsten Grauen

Ein Mensch betritt eine leere Bühne. Abschätzend mit Augen und Füßen durchmißt er das Podium und markiert schließlich, leise vor sich hinsummend, mit Kreide ein Rechteck von zwei Quadratmetern. Mit dem Moment; in dem sich die letzten Zentimeter zwischen Länge und Breite schließen, verwandelt sich der Mann vom Raum-greifenden Akteur in den Gefangenen Che. "Ohne alles", aber begabt mit einer einprägsamen Fabulierstimme und einer facettenreichen Körpersprache realisiert Peter Lehmann "Der Bataraz" - ein Theaterstück nach dem Roman des uruguayischen Dichters Mauricio Rosencof.

Lehmann nennt seine Bühnen-Adaption "ein Solo für Menschenrechte". Zu Recht. Denn was der Mime in eineinhalb Stunden innerhalb der Kreidemarkierung vollführt, ist ein Plädoyer für politisch Verfolgte. Mit Wut, Humor, entlarvender Ironie und der Kraft der Phantasie läßt er "Che" für ein menschenwürdiges (Über-) Leben kämpfen. Dazu schlüpft er monologisierend - nicht nur in die Rolle des Gefangenen, sondern er stellt, mit schneidendem oder schnärrendem Befehlston Kommandant und Wachpersonal dar, hält Schein-Dialoge mit einem Federvieh, das den Hühnerstall-ähnlichen Knast mit ihm teilt oder er imaginiert sich seine Eltern, läßt Kindheitserlebnisse und Naturerscheinungen aufleben und führt diese Erinnerungen szenisch vor. Mit diesen Phantastereien, die teils autogenes Training, teils Isolations-bedingte Halluzinationen sind, trotzt er Hunger, Durst, Kälte, Einsamkeit und Folter .

Sowohl der Autor wie der Akteur wissen, wovon sie schreiben und sprechen. Rosencof hat in "Der Bataraz" Erfahrungen aus zwölf Jahren Einzelhaft aufgearbeitet. Lehmann, dessen Eltern aus Nazi-Deutschland nach Chile ins Exil gingen, mußte seine Heimat nach dem Pinochet-Putsch verlassen, floh vor der chilenischen Militärdiktatur in die Bundesrepublik. Er führt die ZuschauerInnen dabei bis an die Grenze des Erträglichen und weiss dann doch noch in den Augenblicken schlimmsten Grauens einen Funken Hoffnung zu entzünden, ein widerständiges "Trotzdem" aufblitzen. Wie etwa, wenn er sich in größter Not wünscht, wie ein Baum zu sein, denn "Bäume haben. keine Angst und sterben aufrecht". Da wird Lehmann zum männlichen Pendant von Gioconda Bellis "Bewohnte Frau".